Ein paar Gedanken zu Resilienz

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Autor: Sam Borek-Coxen

Als Lehrkräfte an der OBS legen wir grossen Wert darauf, unsere Prozesse fortlaufend kritisch zu überprüfen, mit anderen Experten zu kollaborieren und von ihnen zu lernen, sowie den Auswirkungen nachzugehen, die verschiedene Herangehensweisen, Methoden und Lernumgebungen auf unsere Schülerinnen und Schüler und ihr Lernverhalten haben.

Obwohl uns der Vergleich mit anderen Institutionen, die weniger erfolgreich arbeiten, oft darin bestätigt, dass wir unsere Strategien effektiv umsetzen, bringt uns Schadenfreude nicht weiter und hilft uns nicht dabei, uns als Lehrkräfte weiterzuentwickeln. Wenn wir andere Schulen besuchen und dort mit den Lehrkräften und der Schulleitung sprechen, geschieht dies immer vor dem Hintergrund persönlicher Weiterentwicklung und mit dem Wissen, dass es in unserer Verantwortung liegt, unseren Schülerinnen und Schülern die Werte vorzuleben, die wir weitergeben wollen, und lebenslanges Lernen zu fördern.

Vor diesem Hintergrund hatte ich neulich die Gelegenheit, ein wenig Zeit in einem staatlichen Kindergarten in der Züricher Innenstadt zu verbringen. Ich möchte ein paar der wesentlichen Beobachtungen, die ich dort machen konnte, und Unterschiede, die ich zwischen der OBS und eben diesem Kindergarten feststellen konnte, vorstellen.

Im Gegensatz zur OBS befindet sich der Kindergarten, wie auch viele andere, nicht in oder neben einer Primarschule. Die Lehrkräfte und die Kinder sind im wahrsten Sinne des Wortes von der Primarschule, die sie später besuchen werden, abgekoppelt. Trotzdem wird der Kindergarten von der örtlichen Primarschule verwaltet und geleitet. Durch die räumliche Trennung sind die Lehrkräfte zwar sehr selbstbestimmt und haben viele Freiheiten, aber ein Nachteil könnte sein, dass sie nur begrenzt Unterstützung erhalten und weniger oft die Möglichkeit haben, mit anderen zusammenzuarbeiten. Genau das ist es aber, worauf wir an der OBS stolz sind: dass wir auf die Erfahrungen und Kenntnisse unserer Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen und einander direkt beraten können. Zudem sehen wir unmittelbar die positive Auswirkung, die diese Konstellation auf das Lernen und Lehren sowie auf den Teamgeist hat.

Die Kindergarten-Gruppe in Zürich besteht aus 20 Kindern, die in ihren Familien 5 verschiedene Sprachen sprechen (Deutsch nicht miteingeschlossen). Diese Sprachenvielfalt ähnelt der in unseren KG-Gruppen. Der Hauptunterschied ist jedoch, dass viele dieser Kinder zuhause kein Deutsch sprechen. Die KG-Gruppen der OBS bestehen aus maximal 16 Kindern und jede Lehrkraft hat eine Assistentin oder einen Assistenten, anders als der besagte Kindergarten in Zürich, in dem stattdessen mehrmals die Woche eine ehrenamtliche Helferin vorbeikommt. Was wir vielleicht als Herausforderung betrachten, ist für viele staatliche Kindergärten der Normalzustand. Wenn man diesen Herausforderungen aber entsprechend begegnet, bietet man den Schülerinnen und Schülern wertvolle Lernmöglichkeiten.

Es war beeindruckend zu sehen, wie selbstständig viele der Kinder sind und wie sie gelernt haben, kleine Herausforderungen und Konflikte alleine zu meistern (oder es zumindest versucht haben). Ich habe einige Vorfälle beobachtet, in denen die Kinder kleine Auseinandersetzungen hatten oder unfreundlich miteinander umgegangen sind. Wir wissen natürlich, dass das nicht immer angenehm ist, aber trotzdem eine normale Phase der Entwicklung darstellt. Es scheint, als hätten sich einige der Kinder in diesem staatlichen Kindergarten ihrer Umgebung angepasst und entsprechende Problemlösungskompetenzen, das Selbstvertrauen, sich bei anderen Kindern Unterstützung zu holen, und die Fähigkeit, sich nicht auf Konflikte zu versteifen, entwickelt. Sie haben sich daran gewöhnt, dass ihre Erzieherin sich um weitere 18 oder 19 Kinder kümmern muss und alleine zurechtzukommen.

Im Gegensatz zu unseren kleineren Gruppen und der höheren Anzahl an Lehrkräften enden solche Situationen an der OBS oft damit, dass Lehrkräfte eingreifen oder zumindest damit, dass sich die Kinder Trost oder Unterstützung von den Mitarbeitenden holen – das hängt natürlich immer vom jeweiligen Kind ab. Trost und Unterstützung anbieten zu können, kann sehr wertvoll sein. Es gibt Kinder, die noch nicht in der Lage sind oder noch nicht die Fähigkeit entwickelt haben, mit Herausforderungen oder Konflikten umzugehen, ohne diese zu eskalieren oder emotionalen Stress zu erfahren. Dank unseres Ansatzes können wir erkennen, welche Situationen für unsere Kinder herausfordernd sind und diesen entsprechend begegnen, indem wir unsere Lehrmethoden oder Lernumgebungen anpassen oder indem wir mit den Eltern kooperieren. Es ist immer möglich, dass ein Kind mit gewissen Stresssituationen aufgrund von Angst, emotionalen Bedürfnissen oder ausserschulischen Schwierigkeiten wie Umzug oder Trauer nicht umgehen kann. An der OBS haben wir die idealen Bedingungen dafür, solche Probleme aufzugreifen und effektiv damit umzugehen.

Wenn wir die Vor- und Nachteile dieser beiden Situationen vergleichen, stellt sich die Frage, wie und wann wir als Lehrkräfte und Eltern eingreifen müssen. Behindern wir die Entwicklung von Fähigkeiten im Umgang mit Herausforderungen und Konflikten, wenn wir zu viel Unterstützung bieten? Wenn es scheint, als stünden wir den Kindern nicht zur Verfügung, übersehen wir dann vielleicht ernsthafte Probleme oder verlieren die Kinder dann das Vertrauen, sich an uns zu wenden, wenn sie unsere Hilfe wirklich brauchen?

Dies sind Fragen, die wir uns ständig stellen müssen und die wir überdenken sollten. Es gibt darauf keine eindeutigen Antworten, aber indem wir uns solche Fragen stellen, können wir leichter darüber reflektieren, wie wir mit jedem einzelnen Kind und jeder einzelnen Situation umgehen und wie wir eine sichere und zugleich ungehemmte Lernumgebung schaffen können.

Aus praktischer Sicht bedeutet der Besuch fremder Schulen, simple aber kreative Unterrichtsideen kennenzulernen. Ich hatte bisher noch nie daran gedacht, hungrige Emojis aus Tennisbällen zu basteln, um auf lustige Weise die Feinmotorik zu schulen.

Egal was wir von unseren Schulbesuchen oder den Gesprächen mit Experten, sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene, mitnehmen, wissen wir, dass den eigenen Horizont zu erweitern, Fragen zu stellen und Bildung aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, uns dabei hilft, uns ständig weiterzuentwickeln und darüber nachzudenken, was die besten Ansätze für unsere Schülerinnen und Schüler sind.

 

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