Sollten wir in der Primarschule und Mittelschule Noten vergeben?

 In Primarstufe

Autor: Angela Mitra

„Jeder ist ein Genie! Aber wenn Du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.“ (Albert Einstein)

Ist es möglich, Erfolg zu messen, ohne dabei eine Note zu vergeben? Noten werden oft zur Messung und Validierung von akademischer Leistung, Zeitmanagement und der Fähigkeit, Aufgaben zu lösen, verwendet. Einerseits können wir damit argumentieren, dass es sich dabei um wichtige Kompetenzen handelt, die Schülerinnen und Schüler später in ihrem Berufsleben oder in ihrer weiteren akademischen Laufbahn benötigen, andererseits müssen wir auch auf diejenigen eingehen, die diese Fähigkeiten erst später entwickeln und nicht in der Lage sind, Wissen in der vorgegebenen Form oder Zeit zu behalten, wiederzugeben oder unter Beweis zu stellen, sondern vielmehr damit kämpfen, Probleme effektiv zu kommunizieren und zu lösen, da sie Angst haben zu versagen.

Es ist natürlich nicht verkehrt, dass akademische Leistung und die Fähigkeit, Aufgaben zu erfüllen, weiterhin eine wichtige Rolle spielen, aber agile Unternehmen wie Google, Facebook, Microsoft und Barclays sind viel objektiver und zielorientierter. Problemlösefähigkeiten, Teamwork, Design Thinking und Belastbarkeit sind die treibende Kräfte, um Ergebnisse zu erzielen. Moderne Unternehmen nehmen auch mal Misserfolge in Kauf – immerhin scheitern etwa 40 % aller Innovationsprojekte.

Von der Kultur, in der Schülerinnen und Schüler Lernziele erfüllen, Fähigkeiten nur in Prüfungssituationen beweisen und Antworten im Rahmen von speziellen Benotungsschemata geben, müssen wir uns lösen, da wir sonst Gefahr laufen, Kreativität zu unterbinden, Lernende zu demotivieren oder rein extrinsische Motivation zu fördern. Noch bedenklicher ist natürlich, dass Noten oft das Ende eines Lernprozesses bedeuten und dass das Gelernte oft schneller vergessen wird, als es gedauert hat, die Prüfung abzulegen.

Noten erzeugen unnötige Leistungsangst und können den Spass am Lernen oder die Bereitschaft, Risiken einzugehen, reduzieren, da Lernende oft zu viel Angst vor dem Versagen haben. Wir hören viel zu oft: „Kommt das in der Prüfung dran?“ Wird das benotet?“ Als Lehrende sollte unser Fokus darauf liegen, persönliche Entwicklung zu fördern und nicht darauf, intellektuelle Herausforderungen zu vermeiden oder sich an bestimmte Einheitsmodelle anzupassen. Dafür benötigen wir aber erhebliche Veränderungen und dürfen die notwendige Balance zwischen „alle Lernenden erreichen“ und emotionaler und sozialer Unterstützung nicht aus den Augen verlieren.

Eine Note sagt nicht wirklich viel darüber aus, ob jemand etwas tatsächlich verstanden hat oder ob dieses Wissen in der echten Welt angewendet werden kann. Wäre es nicht vielleicht sinnvoller, Kindern eine Kultur zu vermitteln, in der Erfolge, Wissenszuwachs und echte Anwendungsbeispiele für ihr Wissen im Vordergrund stehen? Das Wichtigste bei jeder Aufgabe ist das Feedback, das die Kinder von den Lehrenden erhalten. Benotungsschemata sind heutzutage gang und gäbe, aber sollten so entwickelt werden, dass sie Hard und Soft Skills gleichermassen berücksichtigen. Zudem müssen Schülerinnen und Schüler zeitnahes und konstruktives Feedback zu ihren Stärken und nächsten Lernschritten erhalten sowie Hinweise darauf, wie sie die nächsten Lernziele erreichen können.

Es ist einfach zu beurteilen, was Kinder gelernt haben, aber wir sollten uns auch dafür interessieren, was sie noch nicht können. Weiterhin müssen wir uns fragen, ob der auf Notengebung basierende Lehrplan im 21. Jahrhundert noch angemessen ist und auf Konzepten, Herausforderungen und Entwicklungen basiert, die im „echten Leben“ benötigt werden, da wir sonst nicht wirklich das berücksichtigen, was für die Zukunft unserer Kinder wichtig ist. Mit reinem Wissen werden sich unsere Schülerinnen und Schüler nicht gegen Maschinen durchsetzen können, aber mit Teamfähigkeit, Belastbarkeit, eigenständigem und kritischem Denken, der Fähigkeit zur Kommunikation und kreativem Arbeiten sowie dem nötigen Selbstbewusstsein. In einer Zeit des zunehmend allgegenwärtigen Wissens werden das die neuen Hard Skills sein, die man auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt benötigt.

Keine Noten zu vergeben, ist keine einfache Entscheidung, da wir in unseren Bildungssystemen Erfolg immer noch an Noten messen und Laufbahnen immer noch durch Noten beeinflusst werden. Nichtsdestotrotz müssen wir Wege finden, um das aktuelle Bewusstsein zu verändern und uns davon entfernen, Kinder zu stigmatisieren, nur weil sie nicht in das aktuelle System passen.

Recent Posts
Contact Us

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search